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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Der
globale Föderalismus"
Ausgabe vom 20. November 2010
Wien (OTS) - Was haben die Republik Österreich, die EU
und die Nato gemeinsam? Sie bestehen aus offensichtlich autonomen
Einheiten, die sich zwar ausgemacht haben, gemeinsam etwas zu
unternehmen, aber nicht mehr wissen wie. Die Welt ist mittlerweile
vollständig vernetzt, jeder ist vom anderen abhängig.
Und die reale Machtverteilung schaut anders aus als jene, die
in den Institutionen gezeigt wird.
In Zusammenhang mit dem abgesagten straßentechnischen
"Westring" in Oberösterreich erinnerte ein Linzer
VP-Funktionär seinen Parteiobmann und Finanzminister Pröll
daran, dass Oberösterreich in der Republik "Nettozahler"
sei.
Das erinnert an EU-Debatten, löst aber auch die Befürchtung
aus, dass Österreich eine lose Vereinigung von neun selbständigen
Republiken sein könnte. Wir bewegen uns hier hart am Rand
zur Satire. Als Nächster könnte Niederösterreich
kommen, um aus dem Schengen-Raum auszutreten, dann müssen
alle in Preßbaum und an der Enns ihre Reisepässe
herzeigen...
Die Logik dahinter ist in der EU allerdings ähnlich: Deutschland
ist wichtigster Nettozahler der EU, darf sich daher auch einiges
wünschen (und bekommt es meist auch). Am anderen Ende der
Skala erhält Irland in Kürze zirka 90 Milliarden Euro,
um nicht pleitezugehen - verlangt aber, dass sich niemand in
seine (Steuer-)Belange einmischt.
Die Nato, die sich mit dem Lissabon-Gipfel eine neue Strategie
gönnt, stritt lange, über welche Länder das Raketenabwehrsystem
gespannt wird. Und streitet noch immer, welche Armee welche
Schwerpunkte anbieten sollte. Die Waffeneinkäufe der Nato-Mitgliedsstaaten
laufen daneben unkoordiniert weiter.
Der heimische Föderalismus ist global geworden, dessen
Auswirkung überall gleich absurd. Egal ob Schuldebatte,
Irland-Schulden oder Waffenkäufe: Regionale Lösungen
sind keine mehr. Sie führen nur dazu, Regionen zu definieren,
aber sie lösen die Probleme nicht. In der heimischen Schuldebatte
muss es um die Bildung der Kinder und
Jugendlichen gehen. In der Euro-Gruppe sollte es um den Wohlstand
Europas gehen und bei der Nato um Sicherheit. Bisher geht es
bloß um Machterhalt - verhüllt durch halbherzige
Vereinbarungen, die teuer sind. Falsch verstandener Föderalismus
halt.
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